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Augenfibel (Spiralfibel)

Europäischer Kulturpark Reinheim


Herstellung: von bis

Merkmale

Inventarnummer:
2013REI0449
Anzahl:
1 Stück
Objektbezeichnung:
Fibel
weitere Objektbezeichnung:
Augenfibel (Spiralfibel)
Sachgruppe:
Kleidung (Zubehör, Fibeln)
Material:
Technik:
gegossen
Maße:
Gesamt: L: 5 cm (ca.)

Beschreibung

Augenfibel (Spiralfibel).

Die Fibel wurde im Zuge der Ausgrabungen im Bereich der Villa rustica in Reinheim gefunden.

Zu Augenfibeln:
Die vorliegende Fibel gehört zu der Gruppe der "eingliedrigen Spiralfibeln mit oberer Sehne und Sehnenhaken" (Riha, Gruppe 2; Heynowski, Typ 3.15), und dabei zu den Augenfibeln. Zu den typischen Konstruktionselementen der erstgenannten Gruppe gehört - neben einem stets bandförmigen und mit einem S-Schwung versehenen Bügel mit oftmals gemusterten Grat (Bügelkamm) und randbegleitenden Bändern, einem im Verlauf der Typenentwicklung stetig weniger deutlich hervorgehobenen, quergelagerten Bügelknoten am Übergang vom konvexen zum konkaven Abschnitt, und einem langen, im Querschnitt dachförmigen, sich schnabelförmig verbreiternden Fuß mit einer charakteristischen, eingravierten Winkellinie (Dreiecksmuster) an dessen Ende - ein Haken, der am Kopf vom Bügelende abgeteilt ist und nach oben umbiegt, um die Spiralsehne zu fixieren. Die Augenfibeln sind nach den am Kopfende angebrachten "Augen" benannt: Am Kopfende des Bügels befindet sich eine plattenartige Verbreiterung, aus der in der frühen Entwicklungsphase des Typs zwei runde, nach außen aufgeschnittene Löcher ausgebohrt sind. Spätere Exemplare besitzen statt Öffnungen nur noch kreisförmige Punzen (eingestempelte Kreise) oder Grübchen und verzichten schließlich völlig auf die Anlage von "Augenmerkmalen", obwohl die anderen Merkmale beibehalten werden. Die Nadelhalter sind meist trapezförmig.
Die Augenfibeln werden allgemein in augusteische bis vespasianische Zeit datiert - in den Provinzen hauptsächlich in claudische Zeit. Obwohl sie im letzten Viertel des 1. Jahrhunderts allmählich verschwinden, finden sich noch Exemplare im 2. Jh. n. Chr. (Fundzusammenhang).

Zum Objekt:
Das vorliegende Exemplar entspricht in allen Punkten den Besonderheiten einer Augenfibel - und hierbei insbesondere des zeitlich späteren Typs: Der Bügelknoten ist nur noch schwach und lediglich an der Oberseite ausgebildet, die Augen sind quasi nicht mehr vorhanden/ausgebildet ?? lediglich die plattenartige Verbreiterung ist noch vorhanden. Der Sehnenhaken ist spatelförmig abgeflacht und oben gekerbt. Die Spirale mit oberer Sehne besitzt sechs Windungen, ist allerdings nicht mit einer Stützplattenabdeckung stabilisiert.

Das Objekt weist leichte Korrosionsspuren auf, ist aber ansonsten mitsamt der Spiralkonstruktion und der Nadel gut erhalten.
Die Fibel entspricht dem Typ Riha 2.3.3 oder 2.3.4, etwa die Nrn. 202, 208; Ettlinger, Typ 17; Heynowski, Typ 3.15.8. und ist wahrscheinlich in die 2. Hälfte des 1. Jh. n. Chr. oder noch etwas später zu datieren.

Bei Fibeln handelt es sich um Gewandspangen - mit ihnen wurden in der Antike Gewänder zusammengehalten. Sie gehörten sowohl bei Frauen als auch bei Männern zur alltäglichen Tracht und fanden dementsprechend allgemeine Verbreitung. Über ihre rein praktische Funktion hinaus waren sie in ihren stilistischen Ausformungen nach Typ und Aussehen wechselnden Modeerscheinungen unterworfen, weshalb sie sich sehr gut zur Datierung entsprechender Fundschichten und Fundzusammenhänge eignen.

Zur Villa:
Die Villa wurde in der Mitte des 1. Jh. n. Chr. ca. 300 m nördlich des kurz zuvor entstandenen vicus von Bliesbruck über einer Nekropole aus der späten Bronze- und Eisenzeit errichtet. Das ländliche Domizil weist eine Gesamtgröße von 7 ha auf und gliedert sich in einen herrschaftlichen Wohnbereich (pars urbana) mit Hauptgebäude und ein längsaxiales, von einer Mauer umschlossenes Hofareal (pars rustica)mit zwölf Wirtschaftsgebäuden. Dies entspricht einem charakteristischen Bautypus der gallischen und germanischen Provinzen, welcher im römischen Mutterland nicht vorkommt und auf einheimisch-keltische Traditionen zurückgeht. Bisher sind über 130 solcher Villenanlagen bekannt. Die Villa von Reinheim überragt die anderen lokalisierten Anwesen der Umgebung an Größe und Repräsentation und streicht so den privilegierten Status seiner Erbauer heraus (soziale Oberschicht Ostgalliens). Nach teilweiser Zerstörung und einem erweiterten Wiederaufbau zu Ende des 2. Jh. n. Chr. erreichte die Anlage ihren repräsentativsten und herrschaftlichsten Charakter. Durch die Germaneneinfälle in der zweiten Hälfte des 3. Jh. und der Mitte des 4. Jh. n. Chr. erfuhr die Villa zunächst Funktionsänderungen, bevor sie nach Zerstörungen ganz aufgegeben wurde.
Das Hauptgebäude weist einen H-förmigen Grundriss auf, erstreckt sich über 80 x 60 m und verfügte in seiner größten Ausbauphase im frühen 3. Jh. n. Chr. allein im Erdgeschoss über 50 Räumlichkeiten, die zusammen mit Gängen und Portiken eine Fläche von 2.550 m² einnahmen.
Der mauerumstandene Wirtschaftshof schloss sich südlich an das Hauptgebäude an, maß 300 x 135 m und nahm eine Fläche von 4,5 ha ein. Während sich an den Längsseiten parallel zueinander die jeweils sechs Nebengebäude reihten, befand sich in der Mittelachse im Süden ein Torhaus (Gebäude B1 - B13).

Literatur

Riha, Emilie: Die römischen Fibeln aus Augst und Kaiseraugst, 1979, S. 68f, Abb. Tafel 7, Werkverzeichnis Nr. etwa 202, 208
Heynowski, Ronald: Fibeln. erkennen - bestimmen - beschreiben (=Bestimmungsbuch der Archäologie, 1), Berlin - München: Deutscher Kunstverlag, 2012, S. 79, Abb. Nr. 3.15.8
Stinsky, Andreas: Die Villa von Reinheim. Ein ländliches Domizil der gallo-römischen Oberschicht, Mainz, 2016
Sarateanu-Müller, Florian: Die Villenanlage von Reinheim (=Europäischer Kulturpark Bliesbruck-Reinheim. 2500 Jahre Geschichte. Dossiers d'Archéologie, Sonderheft Nr. 24), 2013